IWR in the news
22/01/08
"Eigentlich haben wir ein Referendum versprochen"
AXEL REISERER, Die Presse
Was
wie ein Drama aus dem Königshaus klingt, ist eine Beschreibung des
Verhältnisses zwischen Großbritannien und der EU in Kurzform. Dass sich daran
bis heute nichts geändert hat, zeigt die Debatte über den EU-Reformvertrag, die
gestern, Montag, im Londoner Unterhaus begann. Gleich zu Beginn brachten 22
Abgeordnete einen Antrag ein, in dem sie eine Volksabstimmung über den Vertrag
verlangten. Der Antrag wurde in einen Ausschuss verwiesen
und hat keine Chancen auf eine Mehrheit. Dennoch traf er
einen wunden Punkt, denn er wurde von nicht weniger als 18 Abgeordneten der
Labour-Regierung mitgetragen.
Regierungschef
Gordon Brown lehnt eine Volksabstimmung über den EU-Vertrag kategorisch ab,
sieht sich aber starkem Druck auch aus den eigenen Reihen ausgesetzt, da man
2004 sehr wohl ein Referendum über die EU-Verfassung versprochen hatte. Nicht
nur Oppositionspolitiker und Europa-feindliche Medien behaupten, dass es
zwischen EU-Verfassung und EU-Vertrag praktisch keine Unterschiede gäbe. Auch
der außenpolitische Ausschuss des Parlaments, in dem Labour die Mehrheit hält,
legte zu Beginn der Debatte einen Bericht vor, in dem es heißt: "Wir
konnten keine substanziellen Differenzen zwischen den beiden Dokumenten
feststellen.
Während die
Regierung aber auf eine "Augen zu und durch"-Taktik setzt
(Außenminister David Miliband: "Das Parlament hat die Aufgabe, diesen
Vertrag zu prüfen und anzunehmen. ), wächst die Rebellion in den eigenen
Reihen.
Zwar ist kaum
vorstellbar, dass bis zu der in drei Wochen erwarteten Abstimmung tatsächlich
bis zu 100 Abgeordnete von der Regierungslinie abspringen und damit den
EU-Vertrag zu Fall bringen. Doch die Forderung nach der versprochenen
Volksabstimmung wird in den nächsten Tagen noch heftiger werden.
Beitragen dazu
wird die überparteiliche Plattform "", die in zehn Wahlkreisen mit knappen Mehrheitsverhältnissen von
einer Wahlberatungsfirma Referenden durchführen lassen wird. Als ersten Ort
suchte man sich den Wahlkreis von Europa-Staatssekretär Jim Murphy aus. Die
Öffentlichkeitswirkung wird nicht ausbleiben, und ein Nein wäre eine schwere
Blamage für die Regierung. Zu den Betreibern der Plattform zählt die Labour-
und frühere Europaabgeordnete Gisela Stuart, die am Entwurf der EU-Verfassung
mitgearbeitet hat. Sie meint: "Wir haben im letzten Wahlkampf ganz
eindeutig ein Referendum versprochen. Das glaubt uns doch keiner, dass der
Vertrag jetzt ein fundamental anderes Dokument ist. Wir
müssen unser Versprechen halten.